„Der deutsche Textilpflegemarkt"

Gemäß den neuesten Zahlen für 2000, die der Deutsche Textilreinigungsverband („DTV") unter Zuhilfenahme der Ergebnisse des Statistischen Bundesamtes zusammengetragen hat, gibt es ungefähr 6.450 Firmen mit 8.650 Niederlassungen, die in Deutschland einen Wäsche- und Chemischreinigungs-Service anbieten. Davon waren ungefähr 2.700 Wäschereien und 3.750 Chemischreinigungen. Der Gesamtumsatz belief sich auf rund 5,1 Mrd. DM, wovon 2,8 Mrd. DM auf die Wäschereien und 2,3 Mrd. DM auf die Chemischreinigungen entfielen. Die neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamtes für 1998 weisen 8 Wäschereien mit einem Umsatz von zwischen 25 Mio. DM und 250 Mio. DM aus, der sich auf 411 Mio. DM oder 15 % des geschätzten Gesamtumsatzes addiert. Weitere 36 Wäschereien, so weist es der Bericht aus, hatten Umsätze zwischen 10 Mio. DM und 25 Mio. DM, die insgesamt 537 Mio. DM oder 19% des Gesamtmarktes ergaben. Diese Statistiken zeigen in dramatischer Weise die Realität des Mittelstandes in Deutschland auf.

Konsolidierung

Eine intensivere Analyse der Zahlen einschließlich der Entwicklung der letzten zehn Jahre zeigt auf, dass die Wäscherei-Industrie sich immer schneller konsolidiert - viel schneller als die Statistiken dieses ausweisen. Tatsächlich muss man die obigen Statistiken mit großer Vorsicht betrachten, da viele Wäschereien ihre Zahlen nur ungenau abgeben und da die Art und Weise, wie das Statistische Bundesamt diese präsentiert, in erster Linie die Anonymität schützen soll. Aus diesem Grunde und aus dem Wunsch heraus, ein besseres Verständnis für den deutschen Markt zu bekommen, hat GHH im Jahre 1999 eine genaue Studie über den deutschen Textil-Leasing-Markt erstellt. Die Rangliste der führenden deutschen Textil-Leasing-Firmen sowie der Franchise- und Marketing-Gruppen ist in Tabelle 1 dargestellt und enthält die neuesten veröffentlichten bzw. geschätzten Zahlen. Sie sagen aus, dass die 7 größten Firmen zusammen einen Umsatz in Deutschland von nahezu 1,9 Mrd. DM erzielten, oder ca. 66% des geschätzten Gesamtmarktes (darin sind ein relativ kleiner Produktionsumsatz und Direktverkauf von Berufskleidung enthalten). Wenn man die konservativ geschätzten 549 Mio. DM Umsatz der drein führenden Franchise- und Marketing-Gruppen (mit 52 Mitgliedern) hinzuzählen würde, dann ergäbe sich ein Umsatz von rund 2,55 Mrd. DM oder nahezu 88% des Gesamtmarktes. Wenn diese Zahlen zuverlässiger sind, dann ergibt sich daraus, dass die offiziellen Statistiken nicht besonders genau sind und dass die Veröffentlichungen der Firmen irreführend sind. Wenn man die Welt der Zahlen verlässt und die jüngsten Entwicklungen betrachtet, dann ist die Wirklichkeit der Konzentration und der Konsolidierung des Marktes sogar noch dramatischer. In einem in der November 2000- Ausgabe des britischen Magazins „Laundry & Cleaning News" erschienenen Artikel habe ich die letzten fünf Jahre im deutschen Textil-Leasing-Markt als ein Kapitel des Wilden Westens in der amerikanischen Geschichte dargestellt. Aber in Wahrheit befindet sich der Markt in seiner Reifephase und die Konsolidierung ist ein sehr ernsthaftes Geschäft geworden. Es hat nicht den Anschein, dass auch nur eine der führenden sieben Firmen auch nur den Wunsch hätte, sich aus den immer härter werdenden Kampf um Marktanteile zurückzuziehen. Die Strategien der wesentlichen Firmen sind klarer ausgerichtet. Zum Beipiel stellt Bardusch's Verkauf ihrer amerikanischen Firma an Elis in Frankreich im Jahre 2000 ein klares Abrücken von einer internationalen Expansion zugunsten fokussierter Anstrengungen in Europa, speziell in Deutschland dar. Ebenso richten Rentokil Initial und Berendsen ihr geschärftes Augenmerk auf den deutschen Markt. Ihre Käufe führender Firmen in den Profitex- und Rentex- Franchiseorganisationen als auch der Franchiseorganisationen selbst im Jahre 2000 war eine Herausforderung zum Kampf an die anderen großen Gesellschaften. Alle Firmen stehen unter wachsendem Druck, Marktstrategien zu entwickeln, die ihnen die besten Möglichkeiten für Wachstum und Profit bieten.

Kostenreduzierungen

Ein möglicher Weg für Firmen, ihre Profitabilität zu verbessern, ist die Kostenreduzierung. Das reicht über Boco's (Haniel Textil Services) Zentralisierung ihrer Reinigungsaktivitäten auf vier Mega-Wäschereien bis zum Einsatz von neuen Mitteln wie Sterisan, woraus viele Firmen Vorteile zu gewinnen suchen. Dieses Reinigungsmittel, das vor kurzem von der Hychem AG auf den Markt gebracht wurde, desinfiziert bei einer Waschtemperatur von 40° C, während bisher existierende Mittel 60° C oder sogar noch höhere Temperaturen benötigen. Da Energie- und Wasserkosten weiterhin ansteigen, müssen Wege gefunden werden, die Betriebskosten in den Griff zu bekommen. Spezialisierung ist eine weitere Strategie, Kosten zu reduzieren und Gewinne zu steigern. Zusätzlich zur Fokussierung auf eines oder wenige Produkte, so wie es Mewa, Boco und die DBL Partner vorführen, haben viele Firmen auch die Vorteile erkannt, die sich aus der Konzentration der verschiedenen Produktlinien auf separate Wäschereien ergeben. Diese Strategie ist jetzt von wichtigen mittelgroßen Firmen wie Jöckel, Hofmeier und Greif gut weiterentwickelt worden. Die Tage der Wäschereien mit gemischter Produktion sind gezählt, wenn nicht sogar vorüber.

Nachfolge

Dennoch, Rationalisierung kann nicht das eine große Problem vieler deutscher Wäschereifirmen lösen: das Nachfolgeproblem. Wenn es nicht einen Sohn, eine Tochter oder eine anderes Familienmitglied gibt, die interessiert und qualifiziert sind, das Geschäft von den Eigentümern zu übernehmen, dann müssen viele Firmen einen Käufer für ihre Firma finden, bevor es zu spät ist. Dies war der tieferliegende Grund dafür, dass die höchst erfolgreiche Berufkleidungs-Leasing-Firma Boco im Jahre 1998 an Haniel verkauft wurde. Es ist nicht sehr glücklich für deutsche Firmen, dass die Herausforderung, die Firma zu verkaufen, wenn es keine geregelte oder akzeptable Nachfolge gibt, sehr oft zu emotional gehandhabt wird, bevor sie dann zum Problem wird. Viele Firmen benötigen dringend Rat und Beistand, wenn sie sich mit dieser sehr wichtigen Entscheidung beschäftigen, sind aber oft nicht gewillt, diese Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Chemischreinigung

Die andere Hälfte des Textilpflegemarktes, Chemischreinigung, zeigt ein sehr differenziertes Bild des deutschen Mittelstandes. Wie man weiß, sind Chemischreinigungen in nahezu allen Ländern ein individuelles, meistens im Familienbesitz befindliches Geschäft geblieben. Wenn man von den Johnson, Sketchley und Brooks Gruppen in Großbritannien absieht, gibt es in Europa nur einige wenige wichtige Firmengruppen. Dabei bleiben die Franchise-Gruppen unberücksichtigt. Die größte in Privathand befindliche Gruppe in Deutschland, Stichweh in Hannover, hat vor ein paar Jahren sich an eine holländische Investorengruppe verkauft. Die neuen Inhaber fòhren unter der Marke Stichweh noch 25 eigene Geschfte, das sind weniger als die Hälfte noch vor einigen Jahren. Stichweh hat weitere 55 Geschäfte franchisiert und konzentriert sich jetzt auf diesen Weg für ein künftiges Wachstum. Nach einem Bericht in „Reiniger & Wäscher" gibt es in Deutschland sechs wichtige Franchise-Gruppen. In ihnen sind mehr als 300 Franchisenehmer mit mehr als 350 Geschäften vereinigt. Neben den privaten Geschäftsbetreibern sind die Franchise-Geschäfte die hauptsächlich treibende Kraft im Markt. Obwohl sich der Trockenreinigungsmarkt, gemessen am Umsatz und an der Zahl der Geschäfte, seit vielen Jahren im Abschwung befindet, werden ständig neue Dienstleistungen und Konzepte angeboten, so dass sich im Trockenreinigungsgeschäft für die fleißigeren und erfindungsreicheren Betreiber bessere Resultate erzielen lassen. Hemdendienstleistungen scheinen im Wachstum begriffen und zu prosperieren und ebenso scheinen sich „Drive-in"- Geschäfte, obwohl noch im Anfangsstadium, vielversprechend zu entwickeln. Betrachtet man jedoch die Kosten, die durch Umweltanforderungen entstehen, den unvermeidbaren Preiswettbewerb eines sehr fragmentierten Marktes und den abnehmenden Trend zur Trockenreinigung, so kann die Industrie bestenfalls eine statische Zukunft erwarten. Deshalb muss es das Ziel der großen „Player" im Markt sein, sich die besten Standorte zu sichern, die besten Kombinationen von Produkten und Dienstleistungen zu finden und das Franchising optimal einzusetzen, um notwendige Erträge zu produzieren und so ein langfristiges Verbleiben in der Industrie zu unterstützen.

Wachstum und Expansion

Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes und des DTV für die vergangenen fünf Jahre lassen den Schluss zu, dass der Textil-Leasing-Markt während dieser Zeit kein nennenswertes Wachstum aufzuweisen hatte. Tatsächlich behaupten die Statistik dass der Gesamtmarkt in 1996 und 1997 sogar ein bisschen größer als 2000 war. Verglichen mit dem Wachstum der Gesamtwirtschaft, dem Wachstum der großen Firmen, die den Textil-Service nutzen und dem Wachstum der Textil-Leasing-Firmen erscheinen die Marktstatistiken sehr irreführend. Ich schätze, dass der Textil-Leasing-Markt zwischen 3 und 5 Prozent p.a. über die letzten fünf Jahre gewachsen ist (einige Bereiche wie z. B. Fußmatten konnten sich sogar über eine höhere Wachstumsrate freuen). Darin sind alle Marktbereiche eingeschlossen, Industrieputztücher ausgenommen, die relativ statisch geblieben sind. Berufsbekleidung, Hotelwäsche und Fußmatten sind die wesentlichen Motoren des Marktes, gleichzeitig nutzen viele neue Kunden sowie bestehende nicht-Leasing-Kunden die Dienstleistungen des Textil-Leasings. Obwohl der Gesundheitswesensektor in absoluten Zahlen nicht sehr gewachsen ist, haben sich doch das Angebot und die Qualität der Dienstleistungen im Umsatz und in den Margen verbessert. Firmen wie Boco, Mewa, Bardusch, Alsco sowie die meisten DBL und Rentex Partner konnten während der vergangenen fünf Jahre sich ständig verbessernde Resultate feststellen. Der Wettbewerb wird zu hart für viele Firmen, aber diejenigen mit guten Produkten, mit einem guten Management und einer guten Strategie werden sich in einem überfüllten Markt behaupten. Die Konsolidierung und die Spezialisierung, die die Rationalisierung im Markt beschleunigen, werden sich fortsetzen und dabei die guten Firmen begünstigen und das Ausscheiden der schwächeren und weniger effizienten Firmen forcieren.

Die Europa-Liga

Vier deutsche Firmen sind in dem Club der zehn größten europischen Textil-Leasing-Firmen. Haniel Textil Services (mit ihren zwei Töchtern Boco und CWS), Mewa, Bardusch und Alsco (die Tochter von der Steiner Corp., eine der größten und internationalsten Firmen) gehören zu den großen Firmen mit der größten Anzahl europäischer Niederlassungen. Tabelle 2 zeigt den Textil-Service Umsatz, den gesamten Gruppenumsatz und die Länder, in denen die zehn Firmen tätig sind. Es bestehen wenig Zweifel, dass die deutschen Textil-Leasing-Firmen (inkl. Steiner) die international aktivsten sind. Das sind günstige Vorzeichen für die deutsche Industrie, da Europa immer enger zusammenwächst und die Kunden des Textil-Leasing europäischer werden. Bardusch und Mewa beherrschen schon die Schweiz und Österreich und sie sind dabei, in einer Reihe von osteuropäischen Ländern ein wichtiger Faktor zu werden. Es mag eigenartig erscheinen, dass sich keine der großen amerikanischen Firmen nach Europa getraut hat, ausgenommen die Steiner Corp., die in Italien eine der Marktführer ist und in Deutschland Eigentümer von Alsco ist. Es hat eine zeitlang Gerüchte gegeben, dass die größte Textil-Leasing-Firma der Welt, Cintas aus Cincinnati, Ohio, mit einem Umsatz von über 2 Mrd. $ Pläne hat, in Europa zu investieren. Bis jetzt scheinen diese Gerüchte unbegründet zu sein. Augenscheinlich sieht Cintas die Wachstumsmöglichkeiten im U.S. Markt als zu gut an, um unnötige Risiken auf sich zu nehmen, die jetzt durch eine Investition in Europa entstehen würden. Für den Moment wenigstens haben die zehn großen europäischen Firmen Europa noch für sich.

Die Zukunft

Alle Indikatoren gehen in die Richtung eines kontinuierlichen und stetigen Wachstums in den deutschen und europäischen Textil-Leasing-Märkten. Die Konsolidierung und die Rationalisierung des deutschen Marktes wird sich fortsetzen und viele kleine, aber auch die weniger effizienten mittleren Firmen werden übernommen werden oder geben ihr Geschäft auf. Die Spezialisierung und die Ausrichtung auf gesteigerte Effizienz werden den Markt vorantreiben, insbesondere seitdem der fortgesetzte Druck auf die Preise die Firmen dazu zwingt, mehr auf die Verzinsung des eingesetzten Kapitals zu achten. Deutsche Firmen haben gute Gelegenheiten nicht nur in Deutschland zu wachsen, sondern auch in vielen europäischen Märkten, die man jetzt als ihre Heimatmärkte sehen muss. Verhältnismäßig neue aber schon pulsierende Textilservice-Märkte in Ländern wie Spanien und Polen sollten die großen Firmen für einige Jahre in Bewegung halten.